pulsschlag.tvGesund & AktivGesundheitGezielt Schaden anrichten
Regionale Tumortherapie

Gezielt Schaden anrichten

Die Möglichkeit, zu therapeutischen Zwecken „einen Blick in den Körper zu werfen“, macht sich auch das Zentrum der Regionalen Tumortherapie an den Kliniken Essen-Mitte (KEM) zu Nutze. So ist das Ärzte-Team darauf spezialisiert, mit Hilfe von bildgebenden Verfahren lokal begrenzte Tumorerkrankungen von Leber, Lunge, Niere und Knochen bestmöglich zu behandeln. Dabei werden die Tumore – und nur diese – mit modernsten mikro-invasiven Techniken gezielt angegriffen, der Rest des Körpers wird geschont.

Wenn eine Operation nicht möglich oder gewünscht ist und Tumore oder Metastasen auf eine systemische – also den gesamten Körper betreffende – Chemotherapie nicht ausreichend ansprechen, kommt die Regionale Tumortherapie in Frage. „Statt zu operieren, reichen bei unseren Behandlungen kleinste Schnitte aus, um bösartige Krebserkrankungen zu behandeln und mit Hilfe mikro-invasiver Verfahren gezielt Schaden an den Tumoren anzurichten. Ein Behandlungsansatz, der für den Patienten äußerst schonend abläuft“, so Prof. Dr. Koch, der als Direktor der Radiologie an den KEM tätig ist und zusammen mit Prof. Dr. Stahl, Direktor der Onkologie, das Zentrum der Regionalen Tumortherapie leitet. „Um bestmögliche Behandlungsergebnisse erzielen zu können, ist die Zusammenarbeit mit allen Fachkollegen besonders wichtig“, betont er. Daher bündelt das Team aus Ärzten, medizinisch-technischen Assistenten und Pflegekräften sowohl onkologische als auch radiologische Kompetenzen – und deckt damit das gesamte Spektrum an Standard- und Spezialverfahren aus der Radiologie ab, wobei in einigen Bereichen eine enge Zusammenarbeit mit der auf dem Klinikgelände ansässigen Gemeinschaftspraxis für Nuklearmedizin besteht.

Gefäße als Straßen unseres Körpers nutzen

Bei vielen der angewandten Therapien spielen die Blutgefäße des Menschen eine zentrale Rolle. Denn als ‚Straßen unseres Körpers‘ durchziehen sie uns von der Sohle bis zum Scheitel und bieten so eine ideale Möglichkeit, um Tumore gezielt zu erreichen und dort zu bekämpfen, wo sie sich im Körper befinden. Ein Beispiel: Tumore oder Metastasen in der Leber werden zu rund 80% aus der Leberarterie versorgt. Dazu werden ab einer Tumorgröße von circa drei Millimetern Botenstoffe ausgeschüttet, die neue Gefäße aus der Leberarterie bilden und den Tumor weiterhin versorgen. Und genau dies macht sich die Regionale Tumortherapie zu Nutze. Denn mit Hilfe mikro-invasiver Verfahren wird unter Röntgenkontrolle nun ein dünner Katheter in die Leberarterie eingeführt – und damit genau an den Ort im Körper, der die Lebensgrundlage des Tumors darstellt. Dabei führt der Weg des Katheters zur Leberarterie in den meisten Fällen über die Leiste. So wird unter örtlicher Betäubung oder Rückenmarksanästhesie die Schlagader in der Leiste punktiert und als Zugang für den Katheter genutzt. Über diesen wird der Tumor in der Leber dann gezielt bekämpft, ohne umgebendes Gewebe zu zerstören. Eingebrachtes Kontrastmittel sorgt gleichzeitig dafür, dass Leber und Blutgefäße auf dem Röntgenmonitor sichtbar werden. Nach der Behandlung wird der Katheter entfernt und der Patient mit einem Druckverband auf die Station verlegt.

Schonend und schnell überstanden

Eine Therapieform, die sich dieser Technik bedient, ist die sogenannte ‚Chemoembolisation‘, die z. B. bei Leberkrebs als alleinige Therapie oder als Überbrückung bis zur Lebertransplantation eingesetzt wird. ‚Embolisieren‘ bedeutet dabei nichts anderes als ‚verschließen‘ und beschreibt den Kern der Behandlung: Das künstliche Verschließen von Blutgefäßen. Hierzu werden beispielsweise kleine Kunststoffkügelchen in den Katheter eingebracht, um Gefäße zu verschließen und Tumore so von der Blutversorgung abzuschneiden. Diese Mikropartikel können mit Chemotherapeutika ‚beladen‘ werden. Ihre Anwendung stellt unter der Bezeichnung „Drug-Eluting Technology“ aktuell den modernsten Stand auf diesem Gebiet dar, da sie kontrolliert und über einen längeren Zeitraum immer wieder Krebsmittel, sogenannte Zytostatika, freigeben können. Eine ähnliche, aber im Detail anders verlaufende Therapie ist die ‚Radioembolisation‘, die in Zusammenarbeit mit den Nuklearmedizinern durchgeführt wird. Hierbei werden die winzigen Kügelchen statt mit Chemotherapeutika mit Strahlung versehen, die den Tumor im Innern des Körpers angreift. Aufgrund der geringen Reichweite der Strahlung wird auch hier das umgebende Gewebe nicht zerstört. „Die Vorteile der Chemo- und Radioembolisation liegen ganz klar darin, dass wir den Tumor stark schädigen können – in Kombination mit weiteren Verfahren – und den Patienten gleichzeitig schonen. Denn die Nebenwirkungen fallen im Vergleich zur normalen Chemotherapie deutlich geringer aus. Darüber hinaus ist die Behandlung schnell überstanden – in der Regel kann der Patient das Krankenhaus bereits am Folgetag verlassen“, erklärt Koch.

Extreme Temperaturen und Zement als Mittel zum Zweck

Neben der Chemo- und Radioembolisation gibt es noch eine Reihe weiterer mikro-invasiver Verfahren, die beispielsweise mit Hitze, Kälte oder Strom arbeiten und insbesondere einzelne Tumore oder Metastasen in Leber, Lunge und Niere zerstören. Diese Verfahren bieten bei gut ausgewählten Fällen eine sehr schonende und elegante Behandlungsmöglichkeit ohne die Notwendigkeit einer größeren Operation. Dies ist auch bei der sogenannten ‚Vertebroplastie‘ der Fall. Ursprünglich zur Stabilisierung von osteoporotisch bedingten Knochenbrüchen entwickelt, findet diese Methode mittlerweile auch bei Tumoren und Metastasen in Wirbelkörpern Anwendung. Denn gerade Metastasen betreffen häufig auch das Skelettsystem, insbesondere die Wirbelsäule. Dabei wird nach lokaler Betäubung eine Nadel in den betroffenen Wirbel eingebracht und anschließend Knochenzement, ein transparenter und synthetischer Kunststoff, hineingespritzt. Dieser härtet unter Hitzeentwicklung in kurzer Zeit aus und stabilisiert den Knochen. Um den Zement während der Behandlung, die pro Wirbelkörper circa 20-30 Minuten beträgt, auf dem Röntgenbild sichtbar zu machen, wird er zusätzlich mit Kontrastmittel angereichert. „Die Erfolgsrate ist sehr hoch und spricht für sich“, berichtet Dr. Pluntke, leitender Oberarzt der Onkologie an den KEM und zuständig für die Organisation des Zentrums. „Dabei zielt die Vertebroplastie in erster Linie darauf ab, andauernde und unter medikamentöser Therapie nicht ausreichend behandelbare Schmerzen zu lindern, die durch eingebrochene Wirbel entstanden sind“, ergänzt er.

Individuelle Behandlungspfadegemeinsam festlegen

Auch wenn mikro-invasive Verfahren der Regionalen Tumortherapie zu den neusten und modernsten Verfahren zählen und damit große Erfolge erzielt werden können, müssen – um patientenorientiert behandeln zu können – bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. So kann eine Vertebroplastie nur dann durchgeführt werden, wenn der Wirbelkörper noch nicht vollständig zusammengebrochen ist, eine Chemo- oder Radioembolisation der Leber nur dann, wenn diese in ihrer Funktion nicht stark eingeschränkt ist, eine Verkochung mit Hitze nur dann, wenn die anatomische Lage des Tumors stimmt. Daher gibt es auch keinen vorgefertigten Pfad, dem es zu folgen gilt. Vielmehr muss im Einzelfall entschieden werden, welcher Weg der Richtige ist. Bevor behandelt wird, findet daher im Vorfeld immer und in jedem Fall eine Tumorkonferenz statt. In dieser Sitzung findet sich das gesamte Team zusammen und legt gemeinsam einen Behandlungspfad für den Patienten fest. „Dieser Pfad ist stets individuell und genau auf die Situation des Betroffenen zugeschnitten“, fügt Koch hinzu. „Denn was in diesem Moment zählt, ist der einzelne Patient mit seinen Beschwerden, Ängsten und Sorgen – und genau so individuell wie er ist, soll er bei uns auch behandelt werden.“

Mikro-invasive Verfahren: Kleine Schnitte mit großer Wirkung

Die Bezeichnung „mikro-invasiv“ bedeutet übersetzt so viel wie „mit kleinstmöglichem Aufwand eingreifend“. Der Eingriff (Invasion) in den Körper erfolgt somit ohne größere Schnitte und erlaubt gleichzeitig eine punktgenaue Behandlung, die für Patienten in der Regel sehr schonend abläuft. Die Möglichkeiten der radiologischen Bildgebung bilden dabei die Grundlage für die Anwendung mikro-invasiver Therapien, da auf diese Weise Tumore oder Metastasen im Körper sichtbar gemacht und millimetergenau angesteuert werden können.

Keine Kommentare

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben