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pulsschlag-Interview

„Tel Aviv und Essen in völlig unterschiedlichen Wirklichkeiten“

Karl Heinz Klein-Rusteberg ist Geschäftsführer der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V. (GCJZ) in Essen. Lesen Sie hier das pulsschlag-Interview in voller Länge.

Herr Karl Heinz Klein-Rusteberg, Ihre Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Essen setzt sich für ein gutes christlich-jüdisches Verhältnis ein. Besonders im Hinblick auf die nationalsozialistische Vergangenheit stellt das ein sensibles Thema dar. Was sind dabei die Ziele der Gesellschaft und die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Karl H. Klein-Rusteberg: Es tut mir leid, gleich Ihre Eingangsfrage ein wenig korrigieren zu müssen, wenn es um das christlich-jüdische Verhältnis geht. Ihre Annahme, dass es  sich dabei „besonders im Hinblick auf die Vergangenheit“ um ein „sensibles Thema“ handelt, drückt exakt eine der gegenwärtigen Aufgaben, oder besser: Herausforderungen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V. (GCJZ) aus.

Dabei denken wir kritisch-historisch anerkennend, dass das christlich-jüdische und das deutsch-israelische Verhältnis nach 1945 nunmehr, also in Folge der geradezu radikalen Veränderungen durch und nach 1989, selbst geschichtlich geworden ist. So stellt sich zunächst daraus folgend die Frage: Was meinen wir heute mit ‚Geschichte‘, wenn wir behaupten, aus ‚der‘ Geschichte gelernt zu haben? Sogenannte ‚Sensibilitäten‘ sind im Blick auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft wirkend und möglichst immer zu berücksichtigen. Wir gehen zunehmend davon aus, dass es sich bei der Frage „Welche Vergangenheit?“  – diesseits aller Polemik – um eine wirklich offene Frage handelt. Was also die historisch ‚alten‘, auf die Wahrnehmung des Geschehens, das mit Auschwitz, Holocaust, Schoa umschrieben wird, heute bedeuten können und bedeuten sollten, stellt sich heute wohl neu und vermutlich anders als zwischen 1945 und 1989. Nicht als Wiederholung des Gewesenen also, sondern als neue Herausforderung nicht zuletzt angesichts der Vernichtungsandrohung gegenüber Israel von Seiten des iranischen Regimes, stellen sich Fragen und wirken Sensibilitäten. Nur als Beispiel die Frage: Warum sind trotz oder entgegen unserer, wie oben angedeutet, ‚alten‘ Lehren aus der Geschichte die Reaktionen auf diese Vernichtungsandrohungen in Europa und Deutschland so zurückhaltend bis beschwichtigend?

Wir nehmen diese Aufgaben als Christen und Juden in unserer Stadt an.

Nochmals: Dies sei bitte nicht als Vorwurf an wen auch immer verstanden, sondern als uns, die GCJZ, und die theologisch und politisch interessierte Öffentlichkeit, die Christen und Kirche betreffende, offene Frage. Das umschreibt beispielhaft eine unserer neuen Aufgabenstellungen, von ‚Zielen‘, wie in Ihrer Frage formuliert, möchte ich nicht so gern sprechen. Bildungsarbeit in Form von Vorträgen, Seminaren, öffentliche Interventionen, nicht zuletzt im Hinblick auf zunehmenden Antisemitismus, Beiträge zur politischen Kultur im demokratischen, wehrhaften und freiheitlichen Gemeinwesen – das sind die Kernaufgaben der GCJZ – nach wie vor jedoch – wie oben angedeutet – in gänzlich neuer Zeit, nachdem die GCJZ in Essen 1959 gegründet worden war. Wir nehmen diese Aufgaben als Christen und Juden in unserer Stadt an. Wir sind aber auch als GCJZ selbst in diesem, nicht einfachen Lern- und Verstehensprozess. Dazu kooperieren wir mit der Jüdischen Kultus-Gemeinde (die sich ja auch in den letzten zwanzig Jahren gänzlich verändert hat), der Alten Synagoge und christlichen bzw. kirchlichen Einrichtungen der Bildungsarbeit – katholischen, wie evangelischen. Und es gibt auch Stimmen, die behaupten, dieser hier angedeutete Lernprozess sei einer der Krise. Wahrscheinlich sind beide Kennzeichnungen sinnvoll und nötig.

Deutsch-israelische Beziehungen sind durch die Vergangenheit stark belastet. Was zeichnet deutsch-israelische Beziehungen heute aus? Sind im Umgang miteinander immer noch Vorbehalte spürbar?

Karl H. Klein-Rusteberg: „Vorbehalte“ gehören vermutlich zum Normalbestand menschlicher Wahrnehmung und des Umgangs miteinander, auch zwischen Staaten, wie wir in Europa doch auch aktuell erfahren. Vorbehalte sind vermutlich auch nicht aus der Welt zu schaffen. Die „Vorbehalte“ – wenn wir diesen Terminus einmal weiter verwenden wollen – zwischen Deutschen und Israelis sind wohl zunächst und primär, das mag mehr als banal klingen, durch sehr oder völlig unterschiedliche Wirklichkeiten geprägt.

Israel befindet sich seit den ersten Stunden seiner Existenz als jüdischer Staat im Kriegszustand und bewahrt dennoch seinen demokratischen Charakter, seine Freiheitsräume. Ist diese Tatsache im „Umgang“ – und damit sei jetzt die wechselseitige Wahrnehmung und Deutung gemeint – zwischen Deutschen und Israelis verständlich? Ist uns diese Tatsache verständlich? Allein in diesem, für Israels Existenz so grundlegendem Tatbestand liegt eine (unter zahlreichen) Diskrepanzen bzw. richtiger: Asymmetrien des Lebens dort und hier, die wir verstehen und nicht aus der Welt zu schaffen, uns bemühen sollten. Die Wirklichkeit ist nicht abzuschaffen. Hier liegt auch eine unmittelbare Aufgabe des sich-Befragens für Christen in Deutschland – hierüber sollte der Dialog intensiver, offener, geführt werden.

Das steht in deutlichem Widerspruch zu dem Selbstbild, das in Deutschland herrscht.

Christen tun sich besonders schwer mit dem Faktum, dass es zu einer nicht nur angefeindeten, sondern permanenten kriegerischen Angriffen ausgesetzten Gesellschaft und dem Staat buchstäblich existentiell dazu gehört, sich – wenn nötig auch militärisch – deutlich und effektiv zu wehren. Das steht in deutlichem Widerspruch zu dem Selbstbild, das Deutschland mehrheitlich und auch Europa-West in großen Teilen, von sich selbst und den nötigen Formen der ‚Konfliktbewältigung‘ hat. Hier ist der Glaube, nahezu alle Konflikte seien ‚letztlich‘ durch Diskurs und Dialog ‚lösbar‘ zu einer zu wenig befragten, tief verwurzelten Selbstverständlichkeit geworden. Vielleicht trauen sich die Deutschen nach wie vor selbst nicht über den Weg? Jedenfalls in der Mehrheit in Israel ruft diese deutsch-europäische Selbstverständlichkeit, die es ja nicht zu verabschieden, sondern öffentlich politisch, historisch, auch theologisch zu befragen gälte, nicht selten Kopfschütteln, Kritik oder auch Entsetzen hervor.

Was kann getan werden, um die Beziehungen mehr und mehr zu stärken?

Karl H. Klein-Rusteberg: Um die Beziehungen zu verbessern, sollten auch lokal, also in unserer Stadt, derartige offene Fragen größeres Gewicht erhalten. Der öffentliche Streit muss in unserem GCJZ-Kontext keiner der Interessenskonflikte sein, sondern einer des Verstehens. Darin liegt unsere Bildungsaufgabe und dies ließe sich womöglich auch in Zusammenarbeit innerhalb des Projekts Städtepartnerschaft mit Tel Aviv ermöglichen. Wir sind aber, das darf niemand bei all den großen Worten vergessen, eine kleine Gesellschaft. Unser Beitrag ist klein und kann es nur sein, aber vielleicht ist der Beitrag nicht nur klein, sondern auch „fein“.

Was zeichnet die Beziehung der beiden Städte Tel Aviv und Essen im Allgemeinen aus?

Karl H. Klein-Rusteberg: So weit ich das beurteilen kann, sind die Erfahrungen einer wirklichen Partnerschaft dieser zwei großen Städte, trotz des seit mehreren Jahren bestehenden Partnerschaftsvertrages, jung. Sich in Freundschaft und praktischer Solidarität auf den Gebieten der Kultur, des persönlichen Austauschs, der divergierenden Wahrnehmungen und Beurteilungen kennen zu lernen, das wäre sehr viel für beide Seiten, aber – so meine Unterstellung – besonders für Essen.

Es wäre wünschenswert, wenn der Austausch von Studierenden und Schülern kontinuierlich möglich und intensiviert würde. Die Kooperation der Universitäten also betrifft den Wissenschaftsbereich, muss aber nicht ausschließlich darin bestehen. Die Kirchen könnten nicht nur persönlichen, sondern auch theologischen Austausch und Disput betreiben. Aber ich will den Wunschzettel nicht zu umfangreich beschreiben. Die Finanzierungsfragen all dessen, was die Beziehungen ausmachen sollte, sind ja keine nebensächlichen Fragen. Das Feld der Möglichkeiten insgesamt aber ist groß und sollte für uns in Essen vielleicht in öffentlich diskutierter Form abgesteckt und mit den finanziellen Realitäten abgeglichen werden.

Wie funktioniert der Austausch zwischen den beiden Städten? Wie wird die Partnerschaft gefördert?

Karl H. Klein-Rusteberg: Hierüber kann ich keine Auskunft geben, weil mir hier die Kenntnisse fehlen. Da sind zunächst andere gefragt. Wir müssen Formen der Institutionalisierung entwickeln, die in die ‚Medien‘ der Stadt hinein wirken – in die Theater, die Schulen, die Universitäten, die religiösen Instanzen, hier also die Kirchen. In der Förderung wäre deutlicher zu machen, dass die Beziehungen für uns als traditionell christlich geprägte Gesellschaft eine besondere ist – und das nicht allein wegen der Geschichte!

Was wünschen Sie sich im Hinblick auf die Zukunft für die Freundschaft beider Städte?

Karl H. Klein-Rusteberg: Ich habe das in den Antworten versucht, auszudrücken. Es geht darum, sich besser zu verstehen. Dazu gehört das wechselseitige Sich-Hören und Sich-Sehen. Und was wir dann hören und sehen, das kann das öffentliche  Stadtgespräch zwischen  Essen und Tel Aviv sein. Soweit mein Wunschzettel für diese Städtepartnerschaft, der ich persönlich, aber vor allem die GCJZ eine sehr gute, anregende Zukunft wünscht.

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