„1.877 Klicks hab’ ich schon für mein Video“, verkündet die 15-jährige Schülerin Marie stolz. „Gibt’s Kommentare bei facebook?“ fragt Freundin Alina interessiert… Das Internet ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Ob schnelle Information zum Fußballspiel, neueste Nachrichten aus aller Welt, Bücherkauf über Nacht, die passende Bahnverbindung, ob Kick beim Online- Spiel oder der Lieblingsradiosender aus den USA – das World Wide Web macht es in Sekundenschnelle möglich.
Wo verläuft die Grenze?
Dass hierbei der Grat zwischen Nutzen und Abhängigkeit ein schmaler ist, zeigt eine aktuelle repräsentative Studie der Universitäten Lübeck und Greifswald unter Leitung von H.-J. Rumpf. Ihr zufolge sind mehr als eine halbe Million Deutsche bereits abhängig, ca. zwei Millionen seien gefährdet. Wo aber verläuft die Grenze zwischen zeitgemäßer Mediennutzung und Suchtgefährdung? Sind Jugendliche abhängig, die täglich twittern? Ist es der Mann, der Stunden im Netz recherchiert? Wer ist gefährdet, welches sind Ursachen und wie kann behandelt werden?
Sich sozial zurückziehen und Alltagspflichten nicht nachzukommen sind Hinweise auf Abhängigkeit.
Gesa Janssen, leitende Psychologin und Psychotherapeutin in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin der Kliniken Essen-Mitte, sagt: “Obwohl mehr als vier Stunden tägliche Internetaktivität auf eine Abhängigkeit hindeuten, kann diese nicht allein über die im Netz verbrachte Zeitspanne definiert werden. Ob und in welchem Ausmaß andere Bedürfnisse und Interessen zu Gunsten der Netzaktivitäten vernachlässigt werden, gibt weiteren Aufschluss.“
Hinweise auf eine Abhängigkeit
Sich sozial zurückzuziehen und Alltagspflichten nicht nachzukommen sind Hinweise auf Abhängigkeit. Als weitere Kriterien gelten: Reizbarkeit bei Netzentzug, übermäßiges Denken ans Netz, Verlust der Kontrolle über die im Netz verbrachte Zeit oder vergebliche Versuche, sich zeitlich einzuschränken – trotz Wissens um negative Konsequenzen. „Vor allem die Funktion, die Internetaktivitäten für einen Menschen haben, trennen zwischen sinnvollem Gebrauch und Abhängigkeit“, so Dipl.-Psychologin Janssen.
Besonders junge Erwachsene, die mit dem Netz aufgewachsen sind, sind gefährdet.
Laut oben genannter Studie, für die 15.023 Personen zwischen 14 und 64 Jahren zu ihrem Netzverhalten befragt wurden, sind vor allem Jugendliche und junge Erwachsene gefährdet, Mädchen stärker als Jungen. „Diese Generation ist mit dem Netz aufgewachsen, häufig auch experimentierfreudiger als ältere Personen“, so Gesa Janssen. Soziale Netzwerke, von beiden Geschlechtern häufig genutzt, geben virtuelle Bestätigung. Online-Spiele, sieben Mal häufiger von Jungen gespielt, bringen den „Kick“. Aber auch ältere Menschen können in die Abhängigkeit abgleiten „wenn sie keine oder wenig befriedigende Beziehungen haben, eine sie nicht ausfüllende Arbeit, geringes Selbstwertgefühl oder psychische Probleme“, so Janssen. „Schwierigkeiten in der Realität und fehlende Bewältigungs- und Problemlösestrategien verführen zur Flucht in die virtuelle Welt.“
Maßnahmen, die vorbeugen
Präventiv schlägt die Psychotherapeutin vor, das eigene Online-Verhalten eine Zeit lang zu notieren. Gespräche zwischen Eltern und Jugendlichen über die Computernutzung, klare zeitliche und inhaltliche Regeln hierzu sowie das elterliche Vorbild beugen vor, ebenso Zeit füreinander, gemeinsame Aktivitäten und Fähigkeiten zum Umgang mit Konflikten. Erziehungs-, Familien- und Suchtberatungsstellen sowie Selbsthilfegruppen bieten Unterstützung. Schließlich kann eine kombinierte psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung helfen, sich aus einer Abhängigkeit zu befreien.








