Ausgebrannt
Burnout

Ausgebrannt

Das rettende Ufer gerät in unerreichbare Ferne. Die Arbeit steht im Mittelpunkt, während man selber sich langsam aber sicher verliert: Burnout – ein psychosomatisches Leiden, das zur Volkskrankheit mutiert.

„Ich war nur noch ein Roboter mit leeren Akkus“, erinnert sich Michael. Als Außendienstler betreute der heute 59-Jährige Filialen in ganz Nordrhein-Westfalen und dem Rhein-Main-Gebiet. Jahrelang hetzte er von einem Kunden zum nächsten, für sein Privatleben blieb kaum Platz. „Ich habe gar nicht wahrgenommen, dass die Arbeit immer mehr mein Leben bestimmte“, sagt Michael. Ein Mann, der ruhig und gefasst Bilanz zieht über sein Leben, das lange Zeit von Zwängen, Schlafstörungen und Depressionen bestimmt war. Sein Burnout sei die logische Konsequenz eines langsam voranschreitenden Prozesses gewesen. Warnzeichen seines Körpers habe er ignoriert, auch aus Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren.

Wenn der Alltag nicht mehr gelingen mag

„Bei einem Burnout befindet sich der Körper in einem chronischen Stresszustand.”

Jeder dritte Deutsche fühlt sich Studien zufolge dauergestresst und Burnout ist längst keine Ausnahme mehr in unserer leistungsorientierten Gesellschaft. Den Begriff Burnout- Syndrom prägte der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger im Jahre 1974. Was damals vor allem in sozialen Berufen auftrat, findet sich heute in nahezu Das rettende Ufer gerät in unerreichbare Ferne. Die Arbeit steht im Mittelpunkt, während man selber sich langsam aber sicher verliert: Burnout – ein psychosomatisches Leiden, das zur Volkskrankheit mutiert. jeder Branche. „Bei einem Burnout befindet sich der Körper in einem chronischen Stresszustand. Im Gegensatz zur Depression: Hier kommt es zu einer Aktivierung bestimmter entzündungsfördernder Faktoren, sogenannter Zytokine. Ist der Körper hingegen dauerhaft starkem Stress ausgesetzt, geraten der Hormonhaushalt und der Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinander. Auch das Immunsystem kann beteiligt sein. Das reicht von einer Überstimulierung, was beispielsweise eine Neurodermitis begünstigt, bis hin zu einem kompletten Zusammenbruch des Immunsystems, weiß Professor Martin Schäfer, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin an den Kliniken Essen-Mitte. Kurze Schlafphasen bringen keine Erholung, die Leistungsfähigkeit nimmt ab. Auch fällt es den Betroffenen schwer, sich zu konzentrieren; Worte fehlen und das Gedächtnis lässt nach. Darüber hinaus leiden viele unter Ängsten und Panikattacken – alltägliche Abläufe werden immer schwieriger, bis schließlich gar nichts mehr gelingen mag. Das sind dann oft schon Anzeichen sich entwickelnder Depressionen, die man alleine nicht mehr in den Griff bekommen kann.

Ich schaffe mir Freiräume, wenn ich merke, dass ich überfordert bin; tue etwas für mich.”

„Burnout bedeutet ausgebrannt sein“, erklärt Oberarzt Dr. Fritz Haller. „Das heißt, dass der Betroffene zuvor für etwas ‚gebrannt hat’. Wer seine Ziele zu hoch steckt, sich im Beruf übermäßig engagiert, dauerhaft ein zu hohes Arbeitspensum fährt, gar nicht mehr abschalten kann, ist besonders gefährdet irgendwann in einen Zustand totaler geistiger, emotionaler und körperlicher Erschöpfung zu geraten.“ Begünstigende Faktoren sind Doppelbelastungen durch Familie und Haushalt, chronische Krankheit und schwierige oder in die Brüche gegangene Partnerschaften. Der Burnout ist ein komplexes Krankheitskonstrukt, das harmlos beginnt und sich schleichend zu einem wackeligen Turm entwickelt, der den Erbauer zuletzt unter seinen Trümmern begräbt.

K.O.-Schlag mit Ankündigung

Doch die Psyche kollabiert nicht ohne Warnsignale. Professor Schäfer: „Wichtige Anzeichen für einen Burnout sind Schlaflosigkeit, innere Unruhe, ein anhaltender Erschöpfungszustand und Stimmungsschwankungen. Werden diese Störungen ignoriert, kann es auf Dauer zu depressiven Verstimmungen und einer immer pessimistischeren Grundhaltung kommen.“ Durch die Fokussierung auf den Job vernachlässigen Betroffene ihr soziales Umfeld und grenzen sich selber aus – oft ohne das bewusst zur Kenntnis zu nehmen. Die ständige Anspannung und Arbeitsbelastung macht kraftlos. Es fällt zunehmend schwer, Arbeit, Haushalt und Familie unter einen Hut zu bringen. „Die Betroffenen werden immer nervöser, teilweise aggressiv und Beziehungen leiden. Verzweiflung kommt auf und das Selbstwertgefühl nimmt ab. Der anhaltende Stress wirkt sich auch auf die physische Gesundheit aus. Körperliche Symptome eines Burnouts sind Muskelverspannungen, Migräne, Herz- und Kreislaufbeschwerden sowie Magen-Darm-Probleme bis hin zur Gastritis oder Magengeschwüren“, ergänzt Dr. Haller.

„Schnell wieder in der Tretmühle“

„Nach einem Hörsturz blieb ich vier Wochen zu Hause. Doch dann war ich schnell wieder in der Tretmühle“, berichtet Michael. „Ich änderte nichts, sondern gab Vollgas. Das eingeschränkte Hörvermögen und mein Tinnitus belasteten mich zwar, aber ich wollte keine Schwäche zeigen. Worauf es ankam, waren Zahlen.“ Michael konnte nicht mehr abschalten. Ihn belasteten starke Schlafstörungen und eine chronische Müdigkeit. Die Nächte brachten keine Erholung – auf seinen Touren überkam ihn häufig der Sekundenschlaf. „Sehr belastend waren die Zwänge, die mich nicht in Ruhe ließen. Immer und immer wieder musste ich die Haustür auf- und zuschließen. Derselbe Ablauf im Parkhaus, wenn ich mein Auto abschloss“, so der 59-Jährige. Zugleich schaffte er sein Arbeitspensum nicht mehr. Die verlorene Zeit galt es wieder aufzuholen. Die Folge: Noch mehr Zeit für die Arbeit und noch weniger Zeit für sich selbst. Die Kollegen bemerkten nichts – oder wollten nichts bemerken. Schließlich hat jeder sein Päckchen zu tragen und Persönliches kam nicht auf den Tisch. Michael, der mit seiner damaligen Lebenspartnerin in einer Fernbeziehung lebte, hangelte sich von Wochenende zu Wochenende, von Urlaub zu Urlaub. Doch die gewollte Erholung brachte nicht den gewünschten Effekt. Zu festgefahren war er bereits in seinen Verhaltensmustern.

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