In die Zentrale Aufnahme der Huyssens-Stiftung der Kliniken Essen-Mitte gelangen täglich viele Notfallpatienten. Dr. Andreas Grundmeier und sein Team sorgen mit modernen Strukturen und einem perfekten Netzwerk für eine immer schnellere Versorgung.
Zehn Uhr vormittags in der Leitstelle der Feuerwehr Essen: Ein fast 90-jähriger Mann hat die Notrufnummer gewählt und berichtet von akuter Atemnot. Gezieltes Nachfragen beginnt. Die Zentrale verständigt einen Rettungswagen und einen Notarzt und beruhigt den Mann mit den Worten: „Hilfe kommt sofort.“ Mit dröhnender Sirene und Blaulicht rast der Rettungswagen über die Ruhrallee in Essen-Süd. Der alte Mann mit den Atembeschwerden liegt hinten im Wagen auf einer Trage. Der Rettungsfahrer ist erleichtert, dass die Straßen an diesem Spätsommertag nicht besonders überfüllt sind. Trotz der hohen Geschwindigkeit und der gebotenen Eile, lenkt er den Wagen geschickt in die Henricistrasse. Dort liegt das Ziel der Fahrt, direkt nach dem Gebäude der Johanniter-Unfall-Hilfe findet sich die Einfahrtshalle für Rettungsfahrzeuge zur Huyssens-Stiftung.
Alltag in der Notaufnahme: Das Rettungsteam der Kliniken Essen-Mitte im Einsatz.
Das Rettungsteam auf dem Weg in die Notaufnahme
Fünfzehn Minuten zuvor in der Zentralen Aufnahme des Notfallzentrums der Huyssens- Stiftung: Mehrere Personen sammeln sich um einen Mann, der sie mit seinen gut zwei Metern Körpergröße alle überragt. Bei dem Hünen handelt es sich um Dr. Andreas Grundmeier, dem Leiter der Zentralen Aufnahme. Soeben wurde er über den Funkspruch des Rettungsteams informiert. Der Rettungswagen ist bereits auf dem Weg zu ihnen, doch obwohl nur wenig Zeit bleibt, wird diese so effizient wie möglich genutzt. Dr. Grundmeier gibt seinen Mitarbeitern die Anweisungen, dass ein Raum frei gemacht und alle nötigen Gerätschaften bereitgestellt werden sollen. Er weiß, dass er in diesem Fall keinen Chirurgen, Psychiater oder anderen Kollegen hinzu rufen muss. Das wäre allerdings kein Problem, denn alle Fachabteilungen des Hauses sind an die Zentrale Aufnahme angebunden.
„Manche Krankheitsbilder sehen stabil aus, können sich dann innerhalb von wenigen Minuten aber schlagartig drehen.“
Grundmeiers Dienst hat vor knapp zwei Stunden um acht Uhr begonnen. Bisher war es ruhig. Die Zeit um zehn, elf Uhr gehört genau wie die frühen Abendstunden zu den Spitzen. Das Rettungsteam mit dem alten Mann müsste jeden Moment eintreffen. Grundmeier strahlt Ruhe aus. Er hat keine Angst. Das musste er erst lernen. Auch den nötigen Respekt vor den Krankheitsbildern der Patienten hat ein Arzt nicht von Anbeginn seiner Karriere an. „Irgendwann merkt man, dass Krankheitsbilder manchmal stabil aussehen und sich dann innerhalb von wenigen Minuten schlagartig drehen.“, so Grundmeier. Der gebürtige Paderborner fing vor neunzehn Jahren als Arzt im Praktikum die Ausbildung zum Internisten in der Huyssens-Stiftung an. Nach sechs Jahren Arbeit im Essener Elisabeth- Krankenhaus und der dortigen Ausbildung zum Kardiologen und Intensiv- mediziner kehrte Grundmeier 2004 wieder zu den Kliniken Essen-Mitte zurück und wurde Leiter der Zentralen Aufnahme, der Internistischen Intensivstation und des Notfall- managements. Nebenbei ist der 45-jährige ehrenamtlich Ärztlicher Leiter und einer der drei Vorstände der Johanniter-Unfall-Hilfe.
Hier geht es Schlag auf Schlag
Das eingetroffene Rettungsteam der Johanniter transportiert den alten Mann in die Klinik. Am Röntgenraum vorbei erreichen sie die Zentrale Aufnahme. Während einer der Rettungsassistenten die relevanten Personen-Daten an die Anmeldung weitergibt, wird der Patient bereits in einen Behandlungsraum transportiert. Dr. Grundmeier nimmt sich zusammen mit einem Assistenzarzt und einer Schwester des Patienten an: „Es sieht aus, als hätte Ihr Herzmuskel einen Schlag abbekommen.“ Grundmeier gibt weitere Anweisungen, fragt die Schwester nach dem EKG und reicht dem durstigen Patienten ein Glas Wasser. Schon wird Grundmeier in den Nebenraum gerufen, ein weiterer Patient wartet.
„Unsere Patienten machen nun mal keine Termine.“
Hin und wieder geht es Schlag auf Schlag: „Unsere Patienten machen nun mal keine Termine, sie kommen vorbei oder werden eingeliefert, wenn sie akute Beschwerden haben. Am Morgen wissen wir nie, was im Laufe des Tages alles passieren wird.“ Pro Jahr sind es 18.000 bis 20.000 Patienten, die in die Zentrale Aufnahme der Kliniken Essen-Mitte eingeliefert wer- den. Für Grundmeier stellt seine Klinik eine Art „Emergency Room“ nach amerikanischem Vorbild dar. Während früher und anderenorts auch heute noch ein Patient zwischen den einzelnen Fachbereichen hin und her gereicht wurde, wird bei Grundmeier und seinem Team die Akutver- sorgung direkt und schnell vor Ort erledigt. „Im Interesse der optimalen Versorgung entscheiden wir bereits an der Eingangspforte, wo der Patient genau hingehört.“, so Grundmeier. „Wir haben alle Fachärzte, die not- wendige Technik und ein Labor, mit dem wir die wichtigsten Werte inner- halb weniger Minuten selbst messen können, direkt hier.“
180mal pro Schicht klingelt das Telefon
Grundmeier betritt den anderen Behandlungsraum. Der anwesende Patient ist an mehrere Messgeräte angeschlossen und mit seinen 82 Jahren nur unwesentlich jünger als der Mann nebenan. Grundmeiers Handy klingelt in die Stille hinein. Der Arzt hält das Telefongespräch kurz, wendet sich anschließend dem Patienten zu. Dieser bemerkt: „Mensch, überall klingeln heutzutage andauernd die Telefone.“ Grundmeier lächelt und weiß, wie Recht sein Patient damit hat. Er hat einmal mitgezählt, wie häufig er während eines Acht-Stunden-Dienstes angerufen wird. Das Ergebnis: nicht weniger als 180 Mal. Er hört das Herz des Patienten ab, erörtert den zwei ebenfalls anwesenden Medizinstudenten die Problematik und wendet sich an seinen Kollegen, Ober- arzt Dr. Stefan Pluntke: „Was ich sehen kann ist in Ord- nung.“ Grundmeiers Kollege Pluntke arbeitet nicht nur in der Intensivstation, sondern zusätzlich in der Onkologie der Essener Klinik. Der 41-jährige kam vor sechs Jahren durch einen Ärztetausch von Solingen nach Essen und sagt über seine Zusammenarbeit mit Grundmeier: „Wir beide ticken ähnlich. Da haben sich zwei positiv Bekloppte gesucht und gefun- den.“ Pluntkes Steckenpferd ist das regionale Chemotherapie- verfahren im Bereich der Leber. Er erklärt dem 82-jährigen Patienten, dass der in Kürze angesetzten Therapie nichts im Wege steht und erläutert ihm das weitere Vorgehen.
Zuallerst wird Medizin gemacht. Probleme lösen wir im Anschluss bei einer Tasse Kaffee
Zu Grundmeiers Team gehören neben Oberarzt Pluntke auch drei Assistenzärzte und ein Pflegeteam um Schwester Erika, die bereits seit zehn Jahren im Haus arbeitet und laut Grundmeier große Verdienste daran hat, dass aus der alten Notaufnahme die schnellere und bessere Zentrale Aufnahme wurde. Bereits seit fünf Jahren arbeiten Schwester Erika und „Grundi“, wie Grundmeier von den Teammitgliedern genannt wird, zusammen. Sie ist froh über das lockere Miteinander und die flachen Hierarchien in Grundmeiers Team: „Wir können hier mit Grundi über alles reden. Wenn es Probleme gibt, dann werden sie möglichst schnell geklärt.“ Grundmeier sieht es ähnlich: „Unser Team ist perfekt eingespielt. Unser Motto lautet: Zuallererst wird Medizin gemacht und der Patient versorgt, Probleme lösen wir im Anschluss bei einer Tasse Kaffee.“
„Och man, ausgerechnet ’ne Lungenentzündung“ entgegnet der Patient dem Arzt.
Während Dr. Pluntke mit dem Patienten noch über die anstehende Therapie spricht, eilt Grundmeier bereits weiter. Er betritt sein Büro und betrachtet auf einem Monitor die digitalen Röntgenbilder des 90-jährigen Patienten mit Atemnot. Schnell ist ihm die Diagnose klar. „Och man, ausgerechnet ’ne Lungenentzündung“ entgegnet der Patient dem Arzt, nachdem dieser ihn nicht nur über die frische Lungenentzündung, sondern auch über entdeckte Nieren- schäden und Herzschwäche aufgeklärt hat. Häufig klären Grundmeier und seine Kollegen ihre Patienten umgehend über die Diagnose auf. Doch trotz aller Erfahrung und Routine, manchmal fällt es selbst Grundmeier schwer. Vor allem bei Kindern, jungen Frauen oder ganz speziell bei jungen Männern, deren Biografien sich mit seiner eigenen gleichen. Dann versucht er nach besonders schwierigen oder stressigen Diensten etwas Abstand zu gewinnen: „Falls man sich am Abend doch noch Gedanken über das eine oder andere macht, bespreche ich mich mit meiner Frau, die in einer Gemeinschaftspraxis arbeitet, somit eine Kollegin ist und ähnliche Erfahrungen kennt.“
Wir behalten Sie erst einmal 24 Stunden auf der Intensivstation. Aber machen Sie sich keine Sorgen, das wird schon wieder
Andreas Grundmeier beruhigt den Patienten mit der Lungenentzündung: „Wir behalten Sie erst einmal 24 Stunden auf der Intensivstation. Aber machen Sie sich keine Sorgen, das wird schon wieder“. Trotz Atemnot sieht man ein schwaches Lächeln im Gesicht des alten Mannes. Wieder klingelt Grundmeiers Handy. Er erfährt, dass eine junge Patienten mit Verdacht auf Meningitis nicht über Nacht in der Klinik bleiben will und darauf besteht nach Hause zu ihren Kindern zu fahren. Grundmeier kann selbst so etwas nicht aus der Fassung bringen. Nicht einmal das zurzeit in vielen Medien hysterisch behandelte Thema der Schweinegrippe. Dabei ist es erst wenige Wochen her, als Grundmeiers Kli- nik mit Patienten überfüllt war, bei denen der Verdacht auf Schweinegrippe bestand.
Man weiß nie, was der nächste Tag bringt
Momentan ist es um die Schweinegrippe wieder ruhiger geworden. Die Fälle wurden weniger. Trotzdem weiß Grundmeier nie, was der nächste Tag für ihn bringt. Er wohnt in der Nähe der Klinik, bringt seine beiden Kinder jeden Morgen zur Schule und in den Kindergarten und be- ginnt anschließend seinen Dienst um acht Uhr morgens. Er hat viele Außentermine und fährt selber Notfalleinsätze. So kommt es schon mal vor, dass er an einem Tag auf dem Weg zu einer Konferenz ist, direkt danach zu einem Einsatz eilt, anschließend einen Patiententransport mit dem Hub- schrauber begleitet, sich danach mit der Geschäftsführung oder Kollegen trifft und anschließend Unterricht bei der Feuerwehr oder der benachbarten Rettungsdienstschule der Johanniter gibt.
Es gibt jede Menge Stress, hin und wieder problematische Entwicklungen bei den Krankheitsbildern, häufig die Konfrontation mit härtester Realität und die ständige Unge- wissheit, was der nächste Tag einem bringt. Dr. Grundmeier stellt dennoch kompromisslos fest: „So und nicht anders, genau das ist mein absoluter Traumberuf.“







